Engel der Nacht

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Wir sind die Kinder der Dunkelheit. Sie nennen uns Engel, weil das nach Unschuld klingt, nach etwas, das noch nicht fertig ist. Unberührt, formbar, weich. So stellen sie sich vor, wie wir wären. Wesen der Freiheit.

Wir atmen die Nacht in kalten, feuchten Wölkchen.

Du bist neu hier, das spüren wir. Du bist so still, deine Gedanken sind ein Klumpen aus unzulänglichen Worten. Du spürst die Kälte noch. Oder? Ist es nicht so? Doch es ist nicht die Nacht, die dich erzittern lässt. Merkst du das nicht? Du trägst deine Seele wie einen Umhang um deine Schultern. Sie wärmt dich nicht mehr. Du spürst sie nicht mehr im Rhythmus deines schlagenden Herzens, so wie früher, wie zuvor. Das sind die Erinnerungen, siehst du, wie sie davonfliegen? Schmetterlinge mit gebrochenen Flügeln.

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Auszug

An einer Wand ein schmales Sofa. Unter dem Fenster ein Schreibtisch, darauf eine Schreibmaschine, ein schwarzer Füller und ein Blatt Papier; unsortierte Notizen in einer gleichmäßig geschwungenen Handschrift. Durch Vorhänge meeresblau gefärbtes Licht. Über dem Sofa ein Regal, darin einige Blumentöpfe mit braunen Pflanzen und wenige Bücher. Auf allem ein feiner Nebel aus Staub.

Im Flur aufeinander gestapelte Kartons, die meisten verschlossen. Dazwischen Spielzeug und wenige Kleidungsstücke. Draußen, auf der Straße vor dem Garten, ein Lieferwagen. Männer, die ein und aus gehen. Tiefe, schwere Stimmen. Ein Lachen. Ein Kind, das die Treppe hinunterläuft, dicht hinter ihm ein zweites Kind, kleiner und langsamer als das erste. Sie rennen in den Garten hinaus.

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Regenmelodie

Regen. Ein Lied an der Fensterscheibe. All diese unterschiedlichen Töne, verbunden in einem Rhythmus, der sich fortwährend verändert. Ganz ruhig begonnen hat er. Zögernd. Wie eine Geschichte erzählten die Tropfen vom Ende der Welt, als wäre das etwas, das noch lange auf sich warten lässt. Etwas, das man selbst nie erleben wird.

Ganz still liege ich. Keine weiteren Geräusche, nicht einmal das Ticken einer Uhr. Uhren braucht man nicht, wenn die eigene Zeit stehenbleibt.

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Später

Ich dachte, wir würden uns lieben.

Ich dachte, dein Atem auf meiner Haut bedeutet, dass du bei mir bist.
Ich dachte, deine Stimme am Telefon beweist, dass du an mich denkst.
Ich dachte, dein Blick bezeugt, dass du das siehst, was ich tief in mir trage, nicht das, was alle anderen sehen.

Manchmal irre ich mich.

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Muschelsammler

Wir haben uns zufällig getroffen, vor wenigen Stunden. Bei Cappuccino und Käsekuchen in einem vergessenen Strandrestaurant weit weg von Sonnenterrassen und weißen Tischdecken. Der Sand wehte auf unsere Teller und knirschte zwischen den Zähnen, ein Kellner mit fleckigem Hemd brachte einen Sonnenschirm, der immer wieder umfiel. Der Kuchen jedoch war saftig und frisch.
Urlaub?, fragte er und ich nickte und wollte nicht reden, hörte aber zu. Und sprach dann doch. Ruhig, leise. Als würde ich von etwas erzählen, das erst noch geschehen muss.

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