Unsichtbare Leben

Menschen werden geboren. Sie bewegen sich durch die Zeit, durch all ihre Jahre, Stunden, manchmal auch nur Minuten, und hinterlassen Spuren in den Leben anderer. Doch was ist, wenn man nicht alle Leben sehen kann? Wenn es zwischen den realen andere gibt, unsichtbare?

Denn manchmal ist es so, dass jemand, eine Schriftstellerin, beispielsweise, auf einer Wiese hockt, im Frühling, der Nachtmittag ist noch ein bisschen frisch, aber die erste Sommerwärme kündigt sich an, die Luft ist ein Versprechen für all die Tage, die noch kommen werden. Diese Schriftstellerin, beispielsweise, beobachtet zwei alte Damen, die zufrieden lächelnd auf einer Bank sitzen, die gar nicht miteinander sprechen, und trotzdem unterhalten sie sich. Oder sie beobachtet zwei ausgelassen über den Rasen tollende Retriever mit noch ganz flauschigem Fell. Eine Familie, die ein Picknick veranstaltet, auf einer Decke lagern Kuchen, Salat, belegte Brötchen und Apfelschorle, der Schulranzen des älteren Kindes ist umgefallen und aufgegangen, doch niemanden stört das.

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Engel der Nacht

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Wir sind die Kinder der Dunkelheit. Sie nennen uns Engel, weil das nach Unschuld klingt, nach etwas, das noch nicht fertig ist. Unberührt, formbar, weich. So stellen sie sich vor, wie wir wären. Wesen der Freiheit.

Wir atmen die Nacht in kalten, feuchten Wölkchen.

Du bist neu hier, das spüren wir. Du bist so still, deine Gedanken sind ein Klumpen aus unzulänglichen Worten. Du spürst die Kälte noch. Oder? Ist es nicht so? Doch es ist nicht die Nacht, die dich erzittern lässt. Merkst du das nicht? Du trägst deine Seele wie einen Umhang um deine Schultern. Sie wärmt dich nicht mehr. Du spürst sie nicht mehr im Rhythmus deines schlagenden Herzens, so wie früher, wie zuvor. Das sind die Erinnerungen, siehst du, wie sie davonfliegen? Schmetterlinge mit gebrochenen Flügeln.

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Wir wollten

Wir haben doch nur, sagt sie, einmal wirklich leben wollen. Wir wollten den Wind in unseren Haaren spüren, wir wollten wissen, wie sich die Sonne tief im Schatten anfühlt, wir wollten schreien und lachen, so dass man es auch am anderen Ende der Welt hört, nur das wollten wir.

Wir wollten uns berühren, bis wir nichts anderes mehr spüren, wir wollten rennen so schnell, dass es unmöglich ist, uns zu folgen, wir wollten im Schlamm graben, wir wollten uns küssen, einen ganzen Tag lang und noch länger, wir wollten Kirschen und Erdbeeren essen, bis wir Bauchschmerzen bekommen, wir wollten mit Rosenblättern werfen, wir wollten in unsere Haut schneiden und zusehen, wie das Blut herausquillt, wir wollten bis zum Grund des Meeres tauchen und noch tiefer, zum Mittelpunkt der Erde vielleicht.

Verstehst du das nicht?

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Die erste Nacht

Und dann ist sie da, die erste Nacht. Sie hat sich angeschlichen, barfuß vermutlich durch hohes Gras, sie hat ein Kichern unterdrückt und bei jedem Schritt leise getanzt.

Die Nacht der Hexen nennt man sie.

Eben noch, das weiß man, das vergisst man nicht, eben noch konnte man das Haus nicht verlassen, ohne eine Jacke überzuziehen, man trug Kohl und Kartoffeln aus dem Supermarkt nach Hause, und im Flur steht der Schlitten, als warte er auf seinen Einsatz.

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Flüstern

Wir reden miteinander, doch wir erzählen uns nichts.

Wir formen unser Ich und Du und Wir und ein Fürimmer, das bereits blass und spröde aussieht, als wir es an unsere Wand hängen und ansehen und lächeln dabei, jeder nur für den anderen, nicht für sich selbst.

Wir reichen uns die Hände und schenken uns unsere Träume, doch nur die kleinen, die großen behalten wir für uns.

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