Unsichtbare Leben

Menschen werden geboren. Sie bewegen sich durch die Zeit, durch all ihre Jahre, Stunden, manchmal auch nur Minuten, und hinterlassen Spuren in den Leben anderer. Doch was ist, wenn man nicht alle Leben sehen kann? Wenn es zwischen den realen andere gibt, unsichtbare?

Denn manchmal ist es so, dass jemand, eine Schriftstellerin, beispielsweise, auf einer Wiese hockt, im Frühling, der Nachtmittag ist noch ein bisschen frisch, aber die erste Sommerwärme kündigt sich an, die Luft ist ein Versprechen für all die Tage, die noch kommen werden. Diese Schriftstellerin, beispielsweise, beobachtet zwei alte Damen, die zufrieden lächelnd auf einer Bank sitzen, die gar nicht miteinander sprechen, und trotzdem unterhalten sie sich. Oder sie beobachtet zwei ausgelassen über den Rasen tollende Retriever mit noch ganz flauschigem Fell. Eine Familie, die ein Picknick veranstaltet, auf einer Decke lagern Kuchen, Salat, belegte Brötchen und Apfelschorle, der Schulranzen des älteren Kindes ist umgefallen und aufgegangen, doch niemanden stört das.

Mit einem Mal ist der Kopf der Autorin voller Bilder, Worte, voller Gedanken, die nicht ihre eigenen sind, sie muss ihr Notizbuch hervorholen oder einen Zettel oder notfalls auch ein Taschentuch, weil Worte und Gedanken schlüpfrig sind, sie fallen über einen her und verschwinden wieder, wenn man sie nicht festhält, und hinterlassen dann eine seltsame Leere wie alle verpassten Chancen. Das ist einer der Momente, an dem die Autorin eines dieser unsichtbaren Leben streift. Wahrscheinlich, weil manche dieser Leben doch geboren werden wollen, und sei ihre Geburt nicht mehr als ein paar Zeilen auf einem Blatt Papier.

Fiktive Figuren sind wie andere Wesen, die einen bevölkern. Manchmal sprechen sie mit einem, manchmal nimmt man etwas wahr, das man schon hundertmal gesehen hat, doch diesmal sieht man es aus einer ganz anderen Perspektive. Manchmal hört man Musik, die man selbst nie gespielt hat. Man dichtet den Charakteren Haarfarben an, Eigenschaften, eine Vergangenheit, und vielleicht sammelt man dafür Erinnerungen zusammen an andere, wirkliche Personen, Erinnerungen an Gelebtes, Erzähltes, Gelesenes, vielleicht ist ein Teil dieser Figuren real, ein anderer nicht. Man gibt ihnen Raum in einem Dokument auf einem Computer, man sitzt allein in einem Zimmer und erschafft ihnen ein Zuhause, Freunde, eine Familie, ein Aquarium, man lässt sie durch ein Leben gehen, und immer wieder entgleitet es einem, als wäre man gar nicht selbst diejenige, die dieses Leben festhält. Wenn man Glück hat, wird aus dem digitalen Dokument irgendwann ein Buch, das in vielen Händen landet, in realen Händen, und die unsichtbaren Leben werden Teil wirklicher Geschichten, zumindest für ein paar Stunden. Obwohl sie einen in Wahrheit nie verlassen.

Während diese Autorin, beispielsweise, bereits auf der nächsten Wiese hockt, das nächste Dokument öffnet, während sie sich eine Tasse Tee kocht und aus dem Fenster blickt und an eine andere Vergangenheit denkt, an andere Haarfarben und Familien und Erlebnisse, reden sie mit ihr. Ganz leise nur, fast unhörbar, sie werden zu Freunden, die weitergezogen sind, an die man jedoch ab und an denkt, denen man ab und an etwas erzählen will. Unsichtbares muss nicht immer unsichtbar bleiben. Denn manchmal ist es nebensächlich, dass diese Geschichten nie geschehen sind.

 

Dieser Beitrag ist Teil eines sehr schönen Blogposts von Hibi Flower über ihre Gedanken zu „Die Nacht der Zugvögel“.

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