Die erste Nacht

Und dann ist sie da, die erste Nacht. Sie hat sich angeschlichen, barfuß vermutlich durch hohes Gras, sie hat ein Kichern unterdrückt und bei jedem Schritt leise getanzt.

Die Nacht der Hexen nennt man sie.

Eben noch, das weiß man, das vergisst man nicht, eben noch konnte man das Haus nicht verlassen, ohne eine Jacke überzuziehen, man trug Kohl und Kartoffeln aus dem Supermarkt nach Hause, und im Flur steht der Schlitten, als warte er auf seinen Einsatz.

Jetzt jedoch, jetzt, das ist etwas ganz anderes als eben. Jetzt hat sich das Goldrosa der letzten Sonnenstrahlen aufgelöst, jetzt hängt diese Schwere in der Luft, diese blumige Schwere von Flieder und feuchter Erde und all dem Grün, das einem so lebendig entgegenstrahlt, dass man nicht glauben kann, es wäre jemals weggewesen. Jetzt hat man Bier gekauft und Eis und Pizza, man trägt Decken mit sich und statt des Autos fährt man mit dem Fahrrad. Die Dunkelheit kriecht über einen nur flockig bewölkten Himmel, alle Welt, so hat man das Gefühl, alle Welt bevölkert die Straßen und niemand, nicht ein einziger Mensch, bleibt in seiner Wohnung zurück.

Das ist sie, die erste Nacht. Mit Kindern, die auf Spielplätzen spielen, bis es zu dunkel wird, das mitgebrachte Buddelzeug wiederzufinden. Mit dem Geschmack von Nudelsalat und Sandwiches, von Erdbeereis und Rhabarberkuchen. Die erste Nacht, die man mit dem Gefühl beginnt, man müsste niemals schlafen, man müsste einfach nur leben, jede einzelne Minute. Die erste Nacht, in der ein leichter Wind über nackte Arme streift und es so riecht wie an einem Ort, der eigentlich ganz weit weg ist. Die erste Nacht mit Gitarrenliedern im Park und Gelächter voller Erinnerungen.

Die erste Nacht, in der man nicht sprechen muss und nicht stehen bleiben, in der man spazieren kann, ohne Ziel, in der man sicher weiß, dass alles irgendwann wieder von vorn beginnt und diesmal, bestimmt ist das so, und diesmal sehr viel schöner wird als zuvor.

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