Auszug

An einer Wand ein schmales Sofa. Unter dem Fenster ein Schreibtisch, darauf eine Schreibmaschine, ein schwarzer Füller und ein Blatt Papier; unsortierte Notizen in einer gleichmäßig geschwungenen Handschrift. Durch Vorhänge meeresblau gefärbtes Licht. Über dem Sofa ein Regal, darin einige Blumentöpfe mit braunen Pflanzen und wenige Bücher. Auf allem ein feiner Nebel aus Staub.

Im Flur aufeinander gestapelte Kartons, die meisten verschlossen. Dazwischen Spielzeug und wenige Kleidungsstücke. Draußen, auf der Straße vor dem Garten, ein Lieferwagen. Männer, die ein und aus gehen. Tiefe, schwere Stimmen. Ein Lachen. Ein Kind, das die Treppe hinunterläuft, dicht hinter ihm ein zweites Kind, kleiner und langsamer als das erste. Sie rennen in den Garten hinaus.

An einem Ende des Flures ein großes Zimmer. Die Terrassentür geöffnet, Herbstluft. Drei, vier helle Rechtecke an den Wänden, an den oberen Rändern winzige Löcher. Auf dem Teppich Abdrücke von nicht mehr vorhandenen Gegenständen. Das größere Kind läuft durch den Raum in den hinteren Garten hinaus.

Neben dem Zimmer eine Küche mit hellen Fliesen auf dem Boden und an den Wänden. Auf dem weißen Fensterbrett ein kreisförmiger Kalkabdruck. Am Kühlschrank ein verwackeltes Foto: ein Mann und eine Frau, die lachenden Gesichter an den Wangen aneinandergepresst, Wind in ihren Haaren.

Ein weiteres Zimmer. Ein Karton in der Mitte des Raumes, geöffnet. Der Wind zieht herein und weht ein Blatt Papier aus der Kiste hinaus. Ein Mann fängt es auf. Du fängst es auf. Du legst es zurück. Auf deinem moosgrünen Pullover ist ein heller Staubfleck, gleich unter der Schulter, auf der Brust. Eine Haarsträhne verbirgt dein rechtes Auge. Du nimmst die letzten Gegenstände aus den Regalen. Ein Buch, das du einen Moment lang betrachtest. Deine Finger streifen über den Einband wie über abgeschüttelte Erinnerungen, sie berühren den Namen, der obenauf steht. Du lächelst ein wenig, ein schmales Lächeln. Du legst es vorsichtig in den Karton und verschließt ihn. Du trägst ihn in den Flur hinaus. Es ist der letzte. Die Männer nehmen ihn mit.

„Los, Kinder, es ist so weit“, rufst du. Die Kinder kommen aus dem Wohnzimmer. „Habt ihr die Terrassentür zugemacht?“, fragst du. Das ältere Kind nickt langsam, fast zögernd, mit dem Kopf. Sie sind still geworden. Sie ziehen ihre Jacken über und sammeln die letzten Spielzeuge ein. Du siehst dich noch einmal um, ein prüfender Blick, der Vergangenheit betrachtet, um sie abzuschließen. Du wendest dich zur Tür. Hinter dem Umzugswagen, in den die Männer bereits eingestiegen sind, steht der rote Kombi. Ich möchte dich berühren.

„Müssen wir jetzt gehen?“, fragt das kleinere Kind. Es ist kurz vor der Tür stehen geblieben. Es sieht sich noch einmal um. Es sieht mich an.

„Ja, komm jetzt. Wir haben noch einen weiten Weg vor uns.“

„Aber …“

„Bitte, Tommy.“

Du seufzt leise, die Kinder hören es nicht. Du streifst den Arm des kleinen Jungen, der mich noch immer anstarrt, der blinzelt und mich wieder anstarrt. Sein Atem ist schwer, fast keuchend. Du kniest dich vor das Kind. Du flüsterst ihm etwas ins Ohr, Worte nur für den Jungen, deine Hand streicht über sein dunkles Haar, das früher einmal blond gewesen ist.

„Geht schon mal vor“, sagst du dann. Sie laufen los, auf das rote Auto zu, die Köpfe gesenkt. Der Junge wendet sich nicht noch einmal um. Das ältere Kind umschließt seine Hand. Du suchst in deiner Jackentasche und ziehst einen Schlüsselbund hervor. Du stehst direkt vor mir, als wolltest du mich küssen. Du tust es nicht. Du steckst den Schlüssel in das Türschloss. Die Tür, die dich und mich gleich trennen wird.

„Das Foto“, sage ich. Weder du noch ich können meine Worte hören.

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