London #1 – Ein Zuhause

„Wir sind da“, sage ich und lächle der Frau neben mir zu. Sie streicht sich ein paar blonde Strähnen aus dem Gesicht. Ein warmer Blick, der unsere Umgebung langsam taxiert, sie aufsaugt, Stück für Stück.

Das ist dein Zuhause, denke ich, und meine damit nicht direkt den Flughafen, sondern all das da draußen, die Stationen der Subway und der Overground, die Häuser, die Themse und die Kanäle, die Brücken, die Fußgängerzonen, die leisen Straßen zwischen Covent Garden und Leceister Square, die noblen Gebäudezüge in Chelsea, die Parks, nicht mehr als Wiesen und ein paar Bäume, manche noch mit Seen und Schwänen und Eichhörnchen, die Pubs und die Theater, selbst die Stadtteile außerhalb des Zentrums, die schwere, durchnässte Luft, der Wind, die Touristen, das melodiöse Englisch, der rosafarbene Himmel bei Sonnenuntergang.

Mit dem Bus fahren wir vom Flughafen los zu dem Hostel, in dem ich für eine Woche unterkommen werde, weil einen fiktive Personen nur selten in ihre Wohnungen lassen. Dunkelheit draußen, Regenschleier. Lange Zeit nur eine breite Schnellverkehrsstraße und Bäume am Straßenrand, dahinter wahrscheinlich Felder oder Industriebauten. Später die ersten Häuserreihen, immer ähnliche Gebäude nebeneinander, mit kleinen Einfahrten oder schmalen zugeparkten Straßen, das bisschen Grundstück vor den Häuschen kahl oder verwildert. An vielen Gebäuden splittert Farbe von den Fensterrahmen, die Dächer sind bewachsen oder eingefallen. „Schau“, sage ich, und sie dreht sich zu mir um und sagt: „Ich hoffe, du findest noch etwas Schöneres für mich.“

„Solange du es dir leisten kannst“, antworte ich und sie lächelt sehr sanft. „Das ist deine Aufgabe.“

Tatsächlich finde ich noch etwas Schöneres für sie. Als wir zwei Stunden danach durch einen späten Abend spazieren, mit leisem weichem Regen, der mehr in der Luft hängt als wirklich herunterzufallen, an weißen Gebäuden vorbei, die fast schon Villen sind, gelbe Blätter unter unseren Schuhsohlen und über allem eine zufriedene Stille, frage ich sie: „Wie findest du das hier?“

Sie hakt sich bei mir ein. Die Scheinwerfer eines Buses durchschneiden die Nacht, bis er neben uns hält und gleich darauf weiterfährt. Über eine niedrige Mauer ragen die noch blühenden Zweige eines Strauches und durch ein beleuchtetes Fenster blickt sie in eine Kellerwohnung. „Das könnte gehen“, meint sie dann. „Ich würde nur gern ein bisschen umräumen.“

„Klar“, sage ich. „Kein Problem. Hauptsache, du fühlst dich zu Hause.“

Ja, denkt sie. Das tue ich.

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