Die Inspiration der Nacht

Wahrscheinlich kennt das jeder kreative Mensch: die Inspiration der Nacht. Diese trügerische, wundervolle Kraft, die man am besten spüren kann, wenn das Leben der anderen schweigt.

Manchmal sitze ich tagsüber stundenlang vor dem Rechner und schaffe es nicht einmal, einen grammatikalisch korrekten Satz zu tippen, geschweige denn einen, der Handlung, Stimmung, Emotionen oder Charakter transportiert. Und abends, wenn ich bei der depressiven Musik und dem fünften Glas Wein angekommen bin, geschieht alles wie von selbst. Staunend beobachte ich meine eigenen Finger dabei, wie sie losgelöst von mir (nur geistig, nicht physisch) der Tastatur Buchstaben um Buchstaben entlocken, wie sie nahezu tanzen in ihrem Größenwahn. Die Welt atmet langsamer, der Lärm und die Sorgen und die Gedanken des Tages haben sich zurückgezogen in schattige Ecken.

In der Dunkelheit verblasst alles andere, wird von dem Licht der Schreibtischlampe ferngehalten. Dann ist es so, dass ich nichts anderes tun will als das, schreiben, nur schreiben, und die Worte fließen wie von selbst. Sie kommen gar nicht mehr von mir, sie kommen von irgendwo anders und ich kann nur hoffen, schnell genug zu tippen, um sie alle festhalten zu können. Nichts ist überflüssig, die Sätze fügen sich nahtlos ineinander und eine Geschichte beginnt zu leben, die kurz zuvor noch nur eine farblose Idee gewesen ist.

Leider folgt auf jede Nacht ein neuer Morgen. Einer, an dem man all die Buchstaben und Worte noch einmal liest, die die Inspiration aus den dunklen Leeren des sternenbesprenkelten Himmels klaubte. Einer, an dem der Rotwein seine Wirkung verloren hat.

Wenn man Glück hat, bleibt ein Absatz zurück, ein Gedanke, eine Metapher. Als Erinnerung an die Momente, in denen man sich glückstaumelnd der Inspiration hingegeben hat. Und dann kommt die nächste Nacht, die nächste Musik, die nächste Flasche Rotwein. Und man versucht es noch einmal. Denn auch das ist Schreiben. Einfach nicht aufzugeben, wenn sich eine Geschichte schön und richtig anfühlt. Egal, wie schwer ihre Geburt ist.

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