Vor der Lesung

Es gibt diese Momente, in denen man sich der Öffentlichkeit stellen muss. Wenn man sein kleines Reich verlässt, dem Schreibtisch seine Existenzberechtigung nimmt. Dann steht er nur noch da, in Dunkelheit getaucht, auf einer Seite stapelt sich die Post von mehreren Wochen (okay: Monaten), auf der anderen Bücher und Notizen, dazwischen vereinzelte Kassenbons und Kugelschreiber und eine Packung Playmobil, die dem Kind gehört. Und man selbst wirft einen fast wehmütigen Blick auf den Computer, der schweigend grollt und der sonst die Welt bis ins Arbeitszimmer holt. Eine fiktive Welt, mehrere fiktiven Welten, um genau zu sein. Und man selbst will sich dem anderen Leben stellen, dem äußeren, dem realen. Irgendwie.

Lesungen sind solche Momente. Sie reißen einem aus dem eigenen Reich, das man mit so vielen anderen Wesen und Geschichten teilt. Sie zerren einen ins Scheinwerferlicht oder zumindest hinter den Lichtkegel einer kleinen Schreibtischlampe und nur ein schmaler Tisch trennt einen vor den neugierigen Blicken derjenigen, die mitunter zwar die Geschichten kennen, aber den Menschen nicht, der sie zusammengefügt hat. Dabei ist es egal, ob nur ein einziger kommen wird, um zuzuhören, oder mehrere, es ist egal, ob derjenige schon etwas von einem kennt oder nicht.

Deshalb muss man sich vorbereiten.

Zuerst: der Kleiderschrank. Ein Sommerkleidchen? Den grauen Faltenrock? Am Ende wird es doch nur die schwarze Hose, die bisher quasi jede Lesung begleitete.

Dann: das Buch. Das Cover glatt, die Seiten weich, und darin überall Worte, die jeder schon mal irgendwie irgendwo verwendet hat, die aber in dieser Reihenfolge, in diesem Rhythmus nur hier so stehen. Auch sie sind nervös. Auch sie sollen nun hinaus, sollen durch meine Stimme in die Gehörgänge schweigender Zuhörer katapultiert werden. Sollen Bilder und Gedanken evozieren. Sollen vielleicht sogar bleiben in deren Erinnerung.

Die Kleidung, das Buch, die Haare irgendwie zusammengesteckt (oder auch nicht). Ein Lächeln dazu. Ein nervöses Räuspern. Eine U-Bahn-Fahrt, viel zu kurz. Dazu vielleicht sogar Musik. So gering ist der Unterschied zu anderen Tagen. Von außen bin ich nur irgendwer auf dem Weg irgendwohin. Von innen lasse ich den Schutzwall zurück aus Worten und Ideen und dem fernen, ungreifbaren Ich, das mit all dem spielt.

Denn wenn man liest, wird man zu jemand anderem. Angreifbar für sich selbst und greifbar für die anderen. Ein Mensch zu dem verschwommenen Foto. Eine Stimme hinter den Worten. Und man kann sehen, wen diese Worte finden und wen nicht. Was sie bewirken, jenseits des Schreibtisches. Ob sie das überhaupt tun. Und wenn, manchmal, sind solche Momente wunderschön. Wie Gedanken, die zu Erlebtem werden, zu berührbaren Bildern, für wenige Augenblicke nur.

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Infos zur Lesung: https://franziskafischer.wordpress.com/veranstaltungen/lesungen/

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