Figuren

Die meisten Geschichten leben von den Figuren. Sie sollen Freunde sein oder Menschen, die man hassen kann, sie sollen wie lebendige Wesen sein, sodass man sich vorstellen kann, sie würden wirklich existieren, in jenem Teil der Welt, in dem die fiktiven Geschichten atmen. Doch wie werden sie geboren?

Manche Figuren kommen einfach so zu mir, von einem Augenblick auf den nächsten. Manchmal klopfen sie zaghaft an, sodass ich innehalten und sie erst hereinbitten muss. Sie legen langsam den Mantel ab und streichen die Falten aus dem T-Shirt, sie schauen sich ein bisschen um, bevor sie sich auf das Sofa setzen und es zulassen, dass ich sie richtig ansehe. Sie fordern bereits Aufmerksamkeit, bevor sie sich wirklich zeigen.

Die meisten sind jedoch mit einem Mal da. Vielleicht schwirren sie durch die Luft, immerzu, bis sie jemanden finden, der sie empfängt, der sogar auf sie wartet. Vielleicht sitzen sie schon auf jener Parkbank, auf der ich mich zufällig gerade niederlasse, und erst dann machen sie sich bemerkbar. Sagen: Jetzt siehst du mich erst?, als wären sie schon die ganze Zeit dort gewesen und nur ich habe sie nicht bemerkt.

Einige von ihnen flattern um mich herum, ich blicke auf und denke: Da ist doch was, doch kriege sie nicht zu fassen. Sie bleiben seltsam leer und blass, als würden sie zu einer Geschichte gehören, die ein anderer schreiben soll.

Während ich gerade Musik höre oder das Abendessen koche oder in der Fernsehzeitung blättere, sind sie plötzlich da. Selten ein Bild, von einem rotblonden Mädchen auf Inlineskatern zum Beispiel, von einem flatternden Sommerkleid in einer lauen Frühlingsnacht, von einem Jungen, der etwas in der Hand hält, das jemand verloren hat. Sehr viel häufiger mit ihren Gedanken, die sich mit meinen eigenen verbinden. Als wäre ich selbst jemand anderes, als würde ich mit einem Gehirn denken, das mir nicht gehört.

Manchmal kommen zwei Figuren zusammen, Hand in Hand, manchmal spricht eine der Figuren über die andere. Und manchmal war sie schon lange da, lebte schon seit Wochen in seltsam leeren Kapiteln auf einigen mühsam geschriebenen Seiten, bis sie sich mit einem Mal zu mir setzt und etwas über sich preisgibt. Bis ich verstehe, dass sie nicht mit mir reden wollte, weil ich ihr die falsche Kleidung gegeben habe oder die falsche Vergangenheit.

Mitunter muss ich sie auch suchen gehen. In der Kassiererin im Supermarkt mit dem abwesenden Blick, in einem Fremden auf der Straße, der stehenbleibt und sich die Schuhe zubindet und einen dabei ansieht, nur ganz kurz. In diesem Gefühl aus Zufriedenheit und vergangenem Glück, das ein älteres Ehepaar ausstrahlt, wenn es nebeneinander am Seeufer steht und Enten mit Brotresten füttert, die immer übrig bleiben, seit sie nur noch zu zweit sind.

Wahrscheinlich sind sie überall. Manchmal ist es nur schwer, sie zu finden. Und noch schwerer, ihre Geschichte so zu erzählen, dass sie darin zu leben beginnen.

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