Muschelsammler

Wir haben uns zufällig getroffen, vor wenigen Stunden. Bei Cappuccino und Käsekuchen in einem vergessenen Strandrestaurant weit weg von Sonnenterrassen und weißen Tischdecken. Der Sand wehte auf unsere Teller und knirschte zwischen den Zähnen, ein Kellner mit fleckigem Hemd brachte einen Sonnenschirm, der immer wieder umfiel. Der Kuchen jedoch war saftig und frisch.
Urlaub?, fragte er und ich nickte und wollte nicht reden, hörte aber zu. Und sprach dann doch. Ruhig, leise. Als würde ich von etwas erzählen, das erst noch geschehen muss.

Da, sagt er, eine Muschel. Ganz gelb ist sie, ein blaues Muster darauf.
Hier, sage ich, ein roter Kieselstein.
Wieder eine Muschel, eine weiße mit zartrosa Linien.
Ein Stückchen Bernstein, verschwindend klein.
Wieder eine Muschel.
Noch eine, ganz klein, fast unsichtbar.
Eine grüne Glasscherbe, glatt geschliffen von vergangener Meereszeit.
Noch ein Bernsteinsplitter, heller als der erste.

Und was machen wir damit?, frage ich.
Ein Mosaik, sagt er. Ein Mosaik aus den Resten des Meeres. Aus dem, was uns dieser Tag vor die Füße spült.
Und dann?
Dann lassen wir es hier. Setzen uns dort an die Dünen und sehen zu, wie das Wasser langsam näher kommt. Wie es den Sand hinaufkriecht und es sich wieder nimmt, unser Mosaik aus den heutigen Stunden.
Aber, will ich sage und schweige. Lasse den Wind meine Gedanken davontragen, bis ich mich ganz leicht fühle.

Wir bauen unser Mosaik aus Steinchen und Muscheln und geschliffenem Glas, aus Bernstein und Algen und einer Handvoll Sand. Dann setzen wir uns ein Stückchen weiter weg, wir setzen uns hin und warten und betrachten das Glitzern auf Staub. Ab und an lehnen wir uns zurück und sehen dabei zu, wie der Himmel dunkler wird. Und schweigen. Die Minuten vergehen, während wir schweigen. Die Stunden vergehen, während wir schweigen. Das Meer bleibt uns fern.

Eigentlich müssten wir hungrig werden. Wir müssten aufstehen und uns ein Fischbrötchen holen und dazu eine Cola oder ein Bier. Wir müssten über die Möwen lachen, die den Spaziergängern den Imbiss aus den Händen rauben. Wir müssten uns für später verabreden oder gemeinsam durch die Kulturzeitschrift blättern oder eine Flasche Wein kaufen gehen. Wir müssten uns voneinander verabschieden und unsere Telefonnummern austauschen, für alle Fälle, oder eben nicht einmal das. Wir müssten an später denken.

Siehst du es schon?, frage ich.
Er gähnt und blinzelt mich schläfrig an. Was?
Das Meer. Siehst du, ob es näher kommt?
Er blickt nach vorn auf den Strand, der immer leerer wird, immer dunkler, der sich wappnet für die Nacht. Nein, es kommt nicht näher.

Wir legen uns nebeneinander. Aus vereinzelten Wolken werden Sterne. Wir müssen nicht mehr hinsehen, wir wissen auch so, dass es noch dort ist. Dass es dort bleiben wird. Genau wie wir.

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1 Kommentar zu „Muschelsammler“

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