Wortlos

Es gibt diese Tage, an denen man wartet. Eine Tasse Tee (mit Honig) oder ein Glas Wasser auf dem Tisch, noch der Rest des Frühstücksbrotes direkt daneben. Frühstück, um wie viel Uhr? Manchmal schalte ich morgens gleich den Laptop an und dann vergesse ich auch ein oder zwei Stunden lang, dass ich noch nichts gegessen habe. Selbst an Tagen wie diesem. Heute. Einem Tag ohne Worte.

Mein Werkzeug ist die Sprache. Aus ihr forme ich Geschichten. Aber was, wenn diese Geschichten leer bleiben? Wenn keine Worte kommen, um sie entstehen zu lassen? Draußen scheint die Sonne an einem wunderschönen Sommertag. Sie ruft, ich höre sie, sie erzählt von Spielplätzen und Cafés und Handtüchern in der Sonne, von Picknicks und Eisbechern und gemütlichen Spaziergängen. Doch ich sitze hier und schreibe. Schreibe nicht. Ich kann nicht, will ich der Sonne zurufen, ich habe zu tun. Ich muss warten. Auf Worte, die nicht kommen wollen. Auf Gedanken, die sich in sich selbst verirren, die keinen Weg finden in mein Bewusstsein.

Schon wieder eine Stunde vorüber, ohne dass etwas geschehen ist. Der Tee ist kalt geworden und man kann das Lachen der Kinder hören. Freibadlaune. Abenteuerbücher. Gepackte Urlaubstaschen. Nein, ich weiß, dass nicht alle glücklich sind. Ich weiß, dass viele hierbleiben müssen, dass sie genauso auf etwas warten, nur auf Worte vielleicht nicht. Worte sind unzuverlässig, unpünktlich, spöttisch und besserwisserisch.

Die Stadt ist nichts für den Sommer. Sie dünnt sich aus, sie wird heiß, aber nicht schön. Und leer. Wortleer. Nehmt mich mit, denke ich. Irgendwohin. Blicke auf die graue Mauer des Hauses gegenüber und nichts weiter, klappere auf der Tastatur herum, aber reihe nur sinnlos Buchstaben aneinander, Und dann schalte ich ihn einfach aus, den Laptop, packe den Rucksack und füttere die Katze. Nur kurz, sage ich zu ihr. Nur einen oder zwei Tage. Ich muss den Worten folgen, sie sind abgereist, ich muss mit ihnen gehen.

Ganz leise fällt die Tür ins Schloss. Ganz leise gehe ich die Treppen hinunter bis zur S-Bahn. Ganz leise steige ich in den Zug, zwischen warmen Menschenkörpern, die auch irgendetwas folgen oder, ja, vielleicht sogar irgendwem. So muss das sein, wisst ihr?

An manchen Tagen schreiben sich die Geschichten woanders.

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1 Kommentar zu „Wortlos“

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